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16.08.2016 | Warum Rendite und gesellschaftlicher Gewinn sich nicht ausschließen müssen - Interview mit dem CEO der Deutschen Börse, Carsten Kengeter

Der gemeinnützige Sektor wird auf ein Volumen von 90 Milliarden Euro geschätzt. Das Beratungshaus Phineo will da Transparenz schaffen, und die Deutsche Börse unterstützt es dabei. FOCUS Online fragte den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, und Phineo-Chef Andreas Rickert wie das gehen soll.

 

FOCUS Online: Mit der Deutschen Börse verbindet man nicht auf Anhieb Gemeinnützigkeit. Wieso engagieren Sie sich bei Phineo, einem Analyse- und Beratungshaus, das sich um Transparenz im so genannten dritten Sektor bemüht, also im Bereich der Gemeinnützigkeit?

Carsten Kengeter: Es liegt in unserem Selbstverständnis von unternehmerischer Verantwortung, dass wir die Funktionsweise unseres Kerngeschäftes, sprich die Organisation stabiler und sicherer Märkte, mit der Öffentlichkeit teilen. Die gesellschaftliche Funktion einer Börse liegt in der Zusammenführung von Angebot und Nachfrage, als Verbinder verschiedener Interessen – und dies ist auch in der Idee von Phineo manifestiert. Für einen funktionierenden Kapitalmarkt spielt Transparenz ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die Symbiose dieser beiden Kerntätigkeiten sorgt bei der Übertragung auf andere Bereiche hoffentlich für gesellschaftlichen Fortschritt. Denn moderne Gesellschaften haben nur dann Erfolg, wenn sie divers sind. Das beinhaltet vor allem auch einen Dialog innerhalb verschiedenster Anspruchsgruppen. In diesem Zusammenhang sind Transparenz, Organisation und Effizienz entscheidend.

FOCUS Online: Sie sind als Dienstleister auf einem ganz anderen Feld als der Gemeinnützigkeit tätig...

Kengeter: Auch im Finanzsektor gilt es, Neutralität, Transparenz und Verbindung zu schaffen. Die Infrastruktur, die wir für Märkte anbieten, ist gut übertragbar auf die Zivilgesellschaft. Wir schaffen effiziente Angebote, damit Anleger fundierte Investmententscheidungen treffen können. Bevor Phineo startete, hatten wir es geradezu mit einer systemischen Intransparenz im Bereich soziale Investments zu tun. Es herrschte eine große Orientierungslosigkeit für all diejenigen, die Geld zur Verfügung stellen wollen. Dabei ist der soziale Sektor groß: Dort sind mehr als 600.000 gemeinnützige Organisationen vertreten mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Arbeitsformen. Wir reden von einem Volumen von rund 90 Milliarden Euro. Es ist wunderbar, dass es eine so große Vielfalt gibt, aber es war nicht hilfreich, dass der Sektor derart fragmentiert war und es nur eingeschränkten Austausch zwischen den Akteuren gab.

800 gemeinnützige Organisationen analysiert - im Kampf gegen Klimawandel oder Kinderarmut

FOCUS Online: Also werden Instrumente der Finanzwirtschaft auf die Zivilgesellschaft angewendet?

Andreas Rickert: Im Grundsatz schon, allerdings mit den erforderlichen Anpassungen. Dem Sektor zu mehr Wirkung zu verhelfen, ist die Aufgabe. Es zeigt sich, dass es gelingen kann, diesen sehr facettenreichen Markt zu gestalten und weiter zu stärken. Da hat Phineo Pionierarbeit geleistet: Phineo schafft Transparenz, verhilft den handelnden Akteuren zu mehr „Marktintelligenz“ und ist außerdem eine Dialogplattform, die die verschiedensten Akteure zusammenführen möchte. Diese drei Elemente funktionieren für den Finanzsektor und, wie sich zeigt, auch für den gemeinnützigen Sektor. Große gesellschaftliche Herausforderungen lassen sich am besten bewerkstelligen, wenn Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammenarbeiten.

FOCUS Online: Das müssen Sie konkreter erklären.

Rickert: Auf ein Thema, das man als intransparent empfindet, geht man nicht zu. Hier braucht es Informationen und auch Motivation zum Engagement – und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Zunächst aus einer ‚Helikopterperspektive’: Wo gibt es gesellschaftliche Herausforderungen, und wo gibt es dort Bedarfe und auch Lücken? Dies kann z.B. die umfangreiche Betreuung von Kindern und Jugendlichen in schwierigen Verhältnissen sein. Und dann ist es bei der Fülle gemeinnütziger Organisationen für einen Spender sehr schwierig herausfinden, welche wirksamen Ansätze es überhaupt gibt und welches konkrete Projekt am besten zu ihm passt. Phineo hat verschiedene Themenfelder der Zivilgesellschaft unter die Lupe genommen – von der Kinderarmut bis zum Klimawandel. Es wurden bislang rund 800 Organisationen analysiert, um zu zeigen, wie gut diese arbeiten, um auch zu vermitteln, wem ohne Bedenken Geld gespendet werden kann. Das wirkt in die Öffentlichkeit.

Kengeter: Es gibt zahlreiche Projekte, deren Erfolge durch Phineo erkennbarer wurden, so dass sie einen höheren Beitrag für die Gesellschaft erbringen konnten. Ich bin beispielsweise sehr angetan von der Arche, einem Kinder-Hilfsprojekt in Großstädten. Der Standort der Arche in Frankfurt-Griesheim – auch von der Deutschen Börse unterstützt – wurde durch Phineo einer breiteren Öffentlichkeit und damit potenziellen Investoren bekannt.

FOCUS Online: Welche Bedeutung schreiben Sie solchen sozialen Projekten und der Zivilgesellschaft insgesamt zu?

"Der gemeinnützige Sektor ist ein wichtiges Instrument zur Bekämpfung gesellschaftlicher Missstände"

Kengeter: Die gesellschaftliche Polarisierung, in der wir uns derzeit befinden, führt zu Desintegration. Das kann nur schädlich sein. Der gemeinnützige Sektor ist ein wichtiges Instrument zur Verhinderung solcher Desintegration und auch zur Bekämpfung gesellschaftlicher Missstände.

FOCUS Online: Sie können hoffentlich nachvollziehen, dass man derart philanthropische Gesinnung nicht zwingend mit der Deutschen Börse in Verbindung bringt.

Kengeter: Ich kann das nachvollziehen, finde es aber falsch. Die Finanzwirtschaft war und ist sehr wichtig für die Gesellschaft und hat schon immer Wachstums- und Effizienzbeiträge geleistet. Ich kann verstehen, dass das nicht vordergründig wahrgenommen wird. Es ist wichtig, die Mittel, die wir haben, in verantwortlicher Weise einzusetzen. Das versuchen wir in unserem unternehmerischen Rahmen. Phineo wurde bereits 2009 mit unserer Unterstützung gegründet. Al Gore und David Blood initiierten ihren Nachhaltigkeitsfonds auch erst vor gut zehn Jahren. Die Gesamtgesellschaft ist für das Thema soziales Engagement glücklicherweise schon eine gewisse Weile sensibilisiert. Wenn Phineo diesem Bereich zu noch mehr Aufmerksamkeit verhilft, ist das sehr gut. So stelle ich mir gesellschaftlichen Fortschritt vor.

Rickert: Hier zeigt sich übrigens auch, dass es nicht nur so ist, dass der gemeinnützige Sektor Ansätze aus der Wirtschaft nutzt, um noch mehr Wirkung zu entfalten. Sondern normative Einstellungen und soziale Innovationskraft aus der Zivilgesellschaft haben auch Einfluss auf die anderen Sektoren.

FOCUS Online: In diesem Zusammenhang wird viel geredet über sogenannte „Impact Investments“. Gibt es einen Bewusstseinswandel, dass Anlageformen vermehrt gut sein sollen?

Kengeter: Es gibt zunehmend Investoren, die sich nicht darauf beschränken wollen, Gewinne zu machen und diese dann wieder zu investieren, sondern die schon mit ihrer langfristigen Anlage einen gesellschaftlichen Gewinn erzielen wollen. Bislang haben wir im Impact Investment ein Anlagevolumen von 70 Millionen Euro in Deutschland – der Markt befindet sich in einer experimentellen Phase. Es gibt auf diesem Feld einen hohen Bedarf, aber beispielsweise noch nicht genügend Anlageprodukte und Organisationen, in die investiert werden kann.

Die gemeinnützige Dimension von Investitionen und Kapital in der Gesellschaft sind zu wenig bekannt

FOCUS Online: Können Sie Beispiele nennen?

Rickert: Es gibt Sozialunternehmen, in denen Blinde eingesetzt werden für die Brustkrebsdiagnose, weil sie viel höher sensibilisiert sind, Zellveränderungen zu erfühlen – oder Firmen, die Menschen mit Autismus in die IT-Industrie vermitteln, weil sie hohe analytische Fähigkeiten haben. Hier wird in zwei Richtungen investiert: Es gibt einen sozialen Effekt für die Gesellschaft, da Menschen in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden können. Und gleichzeitig expandieren diese Unternehmen und werfen damit Renditen ab, von denen ihre Investoren profitieren. Hier müssen wir aber noch neue Targets sowie Finanzierungsinstrumente und Investmentvehikel entwickeln.

FOCUS Online: Was ist der Beitrag der Deutschen Börse?

Kengeter: Wir unterstützen bei der Fortentwicklung dieses noch jungen Markts, z.B. durch unser Know-how aus dem Deutsche Börse Venture Network, einem Programm, das mit einer Internet-basierten Plattform und Veranstaltungsformaten Investoren mit Wachstumsunternehmen zusammen bringt, und sie auf die Anforderungen des Kapitalmarktes vorbereitet. Phineo ist aktuell eine Art Scout und sucht international nach Modellen, die sich auf Deutschland übertragen lassen.

FOCUS Online: Ist Impact Investing eine Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft?

Kengeter: Kapital wird heute viel stärker für soziale Zwecke eingesetzt – über Rendite, Werterhalt und Wertsteigerung hinaus, darum geht es. Das hat schon Ludwig Erhard erkannt. Es ist nichts Neues, wir müssen es nur besser organisieren.

Venture Philanthropy  – also der Einsatz von Risikokapital, um soziale, ökologische oder gesellschaftliche Vorhaben zu unterstützen – ist allerdings ein derartiger Ansatz, der nicht von uns erfunden wurde. Das kommt aus den USA und wir versuchen es für den deutschen Markt handhabbar zu machen. In Deutschland haben wir verschiedene Investitionslücken. Das liegt auch daran, dass die gemeinnützige Dimension von Investitionen und Kapital in der deutschen Gesellschaft zu wenig bekannt sind. Das ist schade und sollte sich ändern. Ich hoffe, dass durch den gesellschaftlichen Effekt, den der gemeinnützige Sektor hervorbringt, sich auch die Wertebesetzung des Kapital- und Investmentmarktes neu bemessen kann. Dies wäre eine positive Entwicklung für Deutschland und hätte weltweite Auswirkungen.

Das Interview erschien erstmals am 14.08. auf focus.de, geführt von FOCUS-Online-Korrespondentin Martina Fietz

Econsense

Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft e.V.

econsense ist ein Zusammenschluss führender global agierender Unternehmen und Organisationen der deutschen Wirtschaft zu den Themen nachhaltige Entwicklung und Corporate Social Responsibility (CSR). Das Unternehmensnetzwerk wurde im Jahr 2000 auf Initiative des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e. V. (BDI) gegründet und versteht sich als Dialogplattform und Think Tank. Das Ziel von econsense ist es, nachhaltige Entwicklung in der Wirtschaft voranzubringen und gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

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